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The Great Escape (1963) – John Sturges amerikanisierte große Flucht

In der Nacht des 24. März 1944 kam es inmitten des zweiten Weltkriegs zu einer der spektakulärsten Missionen der Militärgeschichte: Eine Massenflucht alliierter Soldaten aus dem deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag Luft III, deren Geschichte in John Sturges Film „The Great Escape“ von 1963 mit Steve McQueen in der Hauptrolle verfilmt wurde. Obwohl die reale Geschichte mindestens so bemerkenswert ist wie der Film, nimmt sich letzterer an mehreren Stellen einige Freiheiten.

Ein Blick in die Geschichte

Stalag Luft III war ein deutsches Kriegsgefangenenlager im nationalsozialistischen Polen, etwa 100 Meilen südöstlich von Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dort Tausende alliierter Soldaten gefangen gehalten. Diese wurden, den Genfer Konventionen entsprechend, relativ gut behandelt und die Wohn- und Freizeiteinrichtungen galten als besser als in vielen anderen deutschen Kriegsgefangenenlagern.

Zu jener Zeit beherbergte das Lager hauptsächlich britische und amerikanische Flieger. Die Nazis „begrüßten“ ihre Gefangenen in der Regel mit den Worten „Für Sie ist der Krieg zu Ende.“ Viele der gefangenen Soldaten sahen es jedoch als ihre patriotische Pflicht, auch in ihrer missligen Lage weiter gegen die Tyranei der Nazis zu kämpfen, indem sie beispielsweise Informationen nach draußen übermitteln und somit weiterhin Widerstand leisteten. Als Gefangene auf das Ende des Krieges zu warten und die Situation einfach auszusitzen, kam für die wenigsten in Frage. So wurde schon bald damit angefangen, eine spektakuläre Flucht zu planen. Tatsächlich galt das 1942 erbaute Lager als ausbruchssicher, da der sandige Boden, auf dem das Lager errichtet wurde, das Graben von Tunneln nahezu unmöglich machte, die Zäune massiv gesichert wurden und die Sicherheitsvorkehrungen generell sehr streng waren.

Einer der Gefangenen war Roger Bushell, Mitglied der Royal Air Force und bereits mehrfach aus Gefangenenlagern ausgebrochen. Anfang 1943 fasst Bushell den Entschluss, einen Massenausbruch zu organisieren. Bushell war während der Evakuierung von Dünkirchen im Jahr 1940 abgeschossen und gefangenen genommen worden. Als er im Oktober 1942 zum Stalag Luft III versetzt wurde, hatte er bereits zwei Fluchtversuche aus früheren Lagern unternommen. Bushells Fluchtplan sah vor, dass über 200 Männer durch drei gegrabene Tunnel aus dem Lager entkommen sollten.

Ein im Detail faktentreuer Film

In den wesentlichen Details der Flucht ist „The Great Escape“ ein überraschend faktentreuer Film. Insbesondere in Bezug auf die Darstellung des Lagerlebens aber eben auch die Vorbereitung der Flucht ist Sturges Film ausgesprochen realistisch. So nimmt der Bau der drei Fluchttunnel im Film einen großen Teil der Handlung ein. Historisch belegt ist, dass insgesamt drei Tunnel mit den Codenamen „Tom“, „Dick“ und „Harry“ gebaut wurden. Dies erwies sich als äußerst schwieriges Unterfangen, das einiges an Improvisation und Einfallsreichtum erforderte. Der sandige Boden musste mit Holzbrettern aus den Betten der Gefangenen abgestützt werden und aus geschmuggelten Blechdosen und mitgenommenen Besteck wurden Grabwerkzeuge improvisiert. Ausgegrabener Sand wurde sorgfältig aus speziell präparierten Beuteln in den Hosen der Gefangenen im Lager verstreut. Während des Baus der Tunnel wurden schätzungsweise 100 Tonnen Erde mit diesen handgemachten Werkzeugen ausgegraben und anschließend von den Nazis unbemerkt im Lager entsorgt. Der Einfallsreichtum der Gefangenen war bemerkenswert. Als die Nazis nach der Flucht eine Bestandsaufnahme des Lagers veranlassten, stellten sie fest, dass zusammen mit den 4.000 Bettbrettern 52 Tische, 34 Stühle und 76 Bänke verschwunden waren, die von den Gefangenen genutzt worden waren, um Tunnelwände und -decken zu stützen. Ebenfalls vermisst wurden 635 Matratzen, 192 Bettdecken und 161 Kissenbezüge, die an den Wänden des Tunnels angebracht worden waren, um Geräusche zu dämpfen. 1.219 Messer, 478 Löffel, 582 Gabeln und 1.400 Milchpulverdosen wurden als Grabwerkzeuge verwendet.

Von den drei Tunneln wurde für die finale Flucht lediglich einer tatsächlich genutzt. „Tom“ wurde vor seiner Fertigstellung von Wachen entdeckt und anschließend gesprengt. Die Arbeiten an „Dick“ wurden gestoppt, als der Bereich, wo er ins Freie führen sollte, für die Erweiterung des Lagers geräumt wurde. Letztendlich blieb „Harry“, der nach einem Jahr Bauzeit im März 1944 fertiggestellt wurde. Regelmäßige Inspektionen durch die Gestapo machten es immer wahrscheinlicher, dass der Plan kurz vor der Durchführung aufgedeckt werden würden, sodass Bushell darauf drängte, den Ausbruch früher als geplant durchzuführen. Die endgültige Nacht der Flucht wurde auf den 24. März 1944 festgelegt. All diese Details der Planung und des Tunnelbaus, sowie die letztendliche Flucht durch Europa inszeniert der Film grundsätzlich historisch korrekt. An einigen anderen Stellen nimmt sich Regisseur Sturges jedoch auch einige Freiheiten, um den Film für Hollywood interessanter zu machen.

Steve McQueen – Ein amerikanischer Held und der Sprung mit dem Motorrad

So bekommt das Publikum im Film, im Sinne der Überschaubarkeit der Figuren, eine eher kleine Gruppe hauptsächlich amerikanischer Gefangener zu sehen. Tatsächlich waren aber über 600 Mann am Bau der Tunnel beteiligt, wobei die amerikanischen Gefangenen eine eher untergeordnete Rolle als Späher spielten. Einige Monate bevor die Flucht tatsächlich stattfand, wurden die meisten von ihnen zudem in ein anderes Lager verlegt, sodass beim finalen Ausbruch kein einziger Amerikaner beteiligt war.

Trotzdem ist „The Great Escape“ vor allem in Amerika ein sehr beliebter Film, der vor allem für die atemberaubende Fluchtsequenz bekannt ist, in der Hollywood-Star Steve McQueen versucht, einen Stacheldrahtzaun auf einem Motorrad zu überspringen. McQueens Charakter ist eine rein fiktive Figur, die als Identifikationsanker für das in erster Linie amerikanische Publikum fungiert. McQueens Versuch, mit seinem Motorrad über einen deutschen Stacheldrahtzaun zu springen, bleibt die Kult-Szene des Films. Allerdings ist diese Szene so mit Sicherheit nie passiert. Abgesehen davon, dass die Figur frei erfunden ist, hatte es zudem im März 1944 in Ostdeutschland und Polen stark geschneit, sodass aufgrund von Schnee und Eis an Motorradfahren, oder gar das motorisierte Springen über Zäune, nicht zu denken gewesen wäre.

Eine spektakuläre Heldengeschichte mit tragischem Ende

Doch auch wenn die wahre Geschichte hinter „The Great Escape“ unter dem Strich so angepasst wurde, dass sie den Ansprüchen Hollywoods entsprach, setzt der Film den Helden von damals ein Denkmal. Obwohl nur drei der geplanten 200 Männer die Flucht erfolgreich beendeten und in sich in Sicherheit bringen konnten, war die Bedeutung ihres Versuchs unbestreitbar. Alle Beteiligten waren sich des Risikos ihres Unterfangens bewusst und hätten die letzten Monate des Krieges bis zu ihrer Befreiung ausharren können. Stattdessen wollten die gefangenen Soldaten ihren Kampf gegen die Tyranei der Nazis um jeden Preis fortführen und ihren Teil dazu beitragen.

Am 24. März, gegen 5 Uhr morgens wurde der 77. Mann beim Verlassen des Tunnels von einem deutschen Wachposten gesehen, der dann den Alarm auslöste. Von den 76 geflohenen Männern schafften es 3 – zwei Norweger und ein Niederländer – nach Großbritannien. 73 wurden wieder gefasst. Von diesen 73 Gefangenen wurden 23 in verschiedene NS-Gefangenenlager geschickt. Die anderen 50 wurden hingerichtet. Hitler persönlich ordnete die Hinrichtung der Gefangenen, entgegen der Proteste einiger deutscher Offiziere, an. Roger Bushell, der Kopf hinter der geplanten Flucht, war einer der getöteten Gefangenen. Bushell hatte es geschafft, in weniger als 10 Stunden quer durch Deutschland zu reisen, wurde dann aber am nächsten Tag in Saarbrücken, nur knapp 30 km vor der rettenden französischen Grenze, geschnappt und ermordet.

Stalag Luft III wurde schließlich Anfang 1945 befreit und 17 Monate später leitete die Royal Air Force eine Untersuchung der Morde ein. Nach dreijähriger Untersuchung wurden 18 Nazisoldaten wegen Mordes an den Kriegsgefangenen für schuldig befunden und 13 von ihnen hingerichtet. Außerdem errichtete die Air Force ein noch heute erhaltenes Denkmal, um an den Tod der Soldaten zu erinnern.

Doch trotz dieses tragischen Endes einer unglaublichen Geschichte, enthält Sturges Film aber auch einige leichte und sogar humoristische Szenen über das Lagerleben, die Überlistung der Wachmannschaft und den Einfallsreichtum und Mut der Gefangenen. „The Great Escape“ ist trotz des Fehlens eines Happy Ends ein Film, der eine Heldengeschichte erzählt und seine gescheiterten Heden und deren Versuch feiert, für die Freiheit zu kämpfen.

3 Gedanken zu „The Great Escape (1963) – John Sturges amerikanisierte große Flucht“

  1. Tja, eine Geschichte, die (fast) das Leben schrieb. Hätte sich ein Drehbuchautor einen solchen Plot ausgedacht, hätte man ihn wohl sofort für komplett wahnsinnig erklärt. Ich meine, 100 (!) Tonnen Erde z. B. mal eben durchs Hosenbein auf dem Gelände verteilt. Das glaubt einem ja keiner.
    Ein wirklich toller Film, mit einem Cast, wie er wohl nicht so häufig gemeinsam vor der Kamera gestanden hat. Kein Wunder, dass Tarantino sich in „Once upon a Time in Hollywood“ davor verneigt.

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