Unnützes Filmwissen

The Wolf Man (1941) – Über Werwölfe und Nazis

Werwölfe gehören ohne Frage zum Standardinventar des modernen Horrorgenres. In den letzten 100 Jahren sind unzählige Filme erschienen, in denen Lykanthropen ihr Unwesen treiben. Es war jedoch George Waggners „The Wolf Man“ aus dem Jahr 1941, der das in der modernen Popkultur bekannte Bild des mystischen Werwolfs entscheidend prägte und damit zur Vorlage für ein ganzes Sub-Genre werden ließ. Interessanterweise geht die in Waggners Film dargestellte Figur des Wolfmenschen auf das Nazi-Deutschland der 1930er-Jahre zurück.

Die ersten Schritte der Wolfsmenschen

Werwölfe und Vampire haben so einiges gemeinsam. Legenden von Menschen, die sich in Bestien (oftmals in Wölfe) verwandeln, sind wohl genauso alt wie die der blutsaugenden Untoten. Beide Monster finden ihren Ursprung in der europäischen Folklore und gehören heute zu den beliebtesten Kreaturen der Horror-Kultur. Somit hat „The Wolf Man“ das Phänomen Werwolf keinesfalls erfunden. Dennoch hat der Film den Mythos Werwolf, wie ihn Generationen von Horror-Fans seit Jahrzehnten kennen und lieben, so sehr geprägt wie kein anderes Werk zuvor. Genau genommen ist der Film für das heutige Bild des Werwolfs das, was Bram Stokers Roman „Dracula“ für die Darstellung der Vampire war.

Bereits 1935 hatte sich Universal, unter der Regie von Stuart Walker, mit „Werwolf of London“ an einem Werwolf-Film versucht. Allerdings handelte es sich bei Stuarts Film um eine Art Variation des Klassikers „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ des schottischen Autors Robert Louis Stevenson. Das Monster dort hatte noch nicht viel mit den heutigen Werwölfen gemeinsam und der Film war auch kein großer Erfolg. Erst im Windschatten des durch die Kassenschlager „Dracula“ (1931), „Frankenstein“ (1931) oder „The Mummy“ (1932) neu entfachten Horror-Hypes, entschied man sich dazu, der Figur eine zweite Chance zu geben.

Eine neue Interpretation des Werwolfs

Universal beauftragte Curt Siodmak damit, das Drehbuch zu „The Wolf Man“ zu schreiben. Siodmak war zu seiner Zeit ein angesehener Drehbuch- und Science-Fiction Autor, der wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA geflohen war. Siodmak hatte die Idee, die alten Mythen der Werwölfe mit dem Aufbau der griechischen Tragödie und einigen wichtigen autobiographischen Elementen zu verknüpfen. Wie bereits erwähnt, findet man zahlreiche, sich zum Teil sehr stark voneinander unterscheidende, Legenden über Menschen, die sich in Bestien verwandeln, in zahlreichen alten europäischen Kulturen. Während in manchen Versionen das Verspeisen einer bestimmten Pflanze zur Verwandlung führt, ist diese in anderen das Ergebnis eines Pakts mit dem Teufel persönlich. In anderen Kulturen war der Werwolf kein Ergebnis einer Verwandlung, sondern eher ein eigenständiges dämonisches Mischwesen.

Siodmak entwickelte in seinem Skript eine Kreatur, die im Wesentlichen der Folklore entsprang und stattete diese mit den grundlegenden Eigenschaften aus, die der Zuschauer heute mit Werwölfen assoziiert. So war beispielsweise der heute selbstverständliche Umstand, dass der Biss eines Werwolfs dessen Opfer infiziert oder den Fluch überträgt, Siodmaks Idee. Auch die Tatsache, dass Werwölfe ausschließlich durch Silber getötet werden können, lässt sich auf „The Wolf Man“ zurückführen. Und auch das Pentagramm als Zeichen des Werwolfs hat hier seinen Ursprung.

Der Werwolf als griechische Tragödie

Nachdem Siodmak seine Version des Monsters entworfen hatte, entwickelte er eine Handlung, die im Kern dem Aufbau der klassischen griechischen Tragödie entsprechen sollte. Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass ihre Protagonisten durch den Willen und das Handeln der Götter und damit ohne Selbstverschulden in Situationen geraten, die unausweichlich in einer unabwendbaren Katastrophe enden müssen. Im Film geht es dementsprechend um Larry Talbot (Lon Chaney Jr.), der nach einem Auslandsaufenthalt nach Hause zurückkehrt, um auf seine Rolle als Gutsherr vorbereitet zu werden. Ohne eigenes Verschulden befindet sich Larry zur falschen Zeit am falschen Ort und wird bei dem Versuch, eine junge Frau zu retten, von einem Werwolf gebissen und damit selbst zum Monster.

Auch wenn in „The Wolf Man“ keine göttlichen Fügungen im Spiel sind, präsentiert sich dem Zuschauer hier eindeutig eine tragischste Figur. Wo der Zuschauer bereits in „Frankenstein“ in der Lage war, Mitgefühl für das Monster zu entwickeln, ist es ihm in „The Wolf Man“ nun möglich, sich mit dem Monster gar zu identifizieren. Durch Larrys vergebliches menschliches Bemühen, seinem Schicksal zu entkommen und sich seine Menschlichkeit zu bewahren, kann sich der Horror erst richtig entfalten. Larrys Angst, zu zerstören was er am meisten liebt, ist nachvollziehbar und auf jeden Zuschauer übertragbar.

Die Wolfsmenschen als Parabel auf die Nazis

Dass „The Wolf Man“ mehr als ein Monsterfilm um einen tragischen Helden ist, wird jedoch bei genauerem Hinsehen deutlich. In einer Szene erkundigt sich die Hauptfigur Larry Talbot bei seinem Vater, gespielt von Claude Rains, nach der Legende des Werwolfs, worauf dieser im entgegnet:

„Lycanthropia? It’s a variety of schizophrenia. The good and evil in every man’s soul. In this case the evil takes the shape of an animal […] Now you ask me if I believe a man can become a wolf? Well, if you mean, can he take on the physical characteristics of an animal? No, it’s fantastic. However, I do believe that most anything can happen to a man in his own brain.“

Der Werwolf wird hier zu einer Metapher des Bösen, das in jedem Menschen schlummert. Im Film wird dies durch ein kleines Gedicht zusätzlich betont, das in einer an Shakespeare erinnernden Redundanz an drei Stellen zitiert wird.

„Even a man who is pure at heart, and says his prayers by night, may become a wolf when the wolfbane blooms and the autumn moon is bright.“

Sogar ein Mensch von reinem Herzen kann demnach zum Tier werden, wenn die Umstände ihn dazu machen. Diese Zeilen stammen nicht aus dem traditionellen Volksmund wie im Film suggeriert, sondern aus der Feder Siodmaks. Die Worte gewinnen an Bedeutung, wenn man sich ein paar grundlegende Eckdaten aus dem Leben des Autors vor Augen führt.

Wie bereits erwähnt, war Siodmak Deutscher mit jüdischen Wurzeln. Als Jude im Dritten Reich wusste er nur zu gut, wie es war, von heute auf morgen, ohne selbst etwas falsch gemacht zu haben, wie ein Werwolf mit einem gelben Stern gebrandmarkt zu sein. In seiner Autobiographie berichtet Siodmak von seinem Leben in Nazi-Deutschland und der daraus resultierenden Flucht nach Amerika. Dem Buch gab er den Titel „Unter Wolfsmenschen“. Damit beschreibt er seine Landsleute, die in ihrem Kern eigentlich größtenteils gute Menschen waren, sich jedoch unter dem Einfluss der politischen und gesellschaftlichen Situation der 1930er Jahre in wahrhaftige Monster verwandelten. Im Film verwandelt sich ein Werwolf dann in seine monströse Gestalt, wenn er das Mal des Werwolfs in der Hand seines nächsten Opfers sieht. Dem Trieb, diesen Menschen zu töten, kann er dann aus eigener Kraft nichts entgegensetzen. Ähnlich verhielten sich die Nazis, die brav in die Kirche gingen und auch sonst tugendhafte Menschen waren, ihre Menschlichkeit jedoch ablegten, wenn sie einen Mitbürger sahen, der den „Judenstern“ bei sich trug.

Das Bedienen der Publikumserwartungen

Interessanter Weise sah es Siodmaks ursprüngliches Skript nicht vor, Larry Talbots Transformation explizit zu zeigen oder thematisieren. Vielmehr sollte es unklar bleiben, ob sich die Hauptfigur tatsächlich physisch verwandelte oder sich diese Veränderung nur einbildete. Im Film wird an einer Stelle davon gesprochen, dass Menschen, die glauben ein Werwolf zu sein, dahingehend durch eine Art Hypnose mental manipuliert worden seien. Dadurch sollte die metaphorische Ebene des Werwolfs deutlich betont werden. Nun fanden die Produzenten bei Universal diese Idee weniger gut, weil das Publikum nach den großen Erfolgen von „Frankenstein“, „The Mummy“ oder „The Invisible Man“ (1933) eine gewisse Erwartung an Spezialeffekte und Make-Up-Design hatte. Um diesem Wunsch zu entsprechen, wurde das Drehbuch geändert und Make-Up-Guru Jack Pierce, der u.a. Frankensteins Monster entworfen hatte, wurde ins Boot geholt. Dieser war bereits in „Werewolf of London“ für das Aussehen des Monsters verantwortlich.

Während beispielsweise in „Dracula“ noch die Verwandlung des Vampirs in seine tierische Form mehr schlecht als recht angedeutet wurde, wird Larrys Transformation in „The Wolf Man“ dank fortgeschrittener technischer Möglichkeiten dem Zuschauer an einigen Stellen explizit gezeigt. Die Effekte und Masken sind dabei durchaus gut und aufwendig gemacht. Dennoch hätte Siodmaks ursprüngliche Idee wohl auch ohne diese Szenen genügend erzählerisches Potential, inhaltliche Tiefe und Atmosphäre gehabt, um den Film auch ohne sichtbares Monster zu tragen. Die Frage wäre sicherlich, wie das Publikum nach den ikonischen Monstern der vorangegangenen Filme auf einen Horror-Film reagiert hätte, der auf die Präsentation seines Monsters verzichtet, das noch dazu vielleicht überhaupt nicht existiert.

Man kann heute nur spekulieren, ob ohne die Verwandlungsszenen Lon Chaney noch vier weitere Male in die Rolle des Larry Talbot hätte schlüpfen musste, da das Publikum einfach nicht genug von seinem neuen Monster zu bekommen schien. Tatsächlich entstanden nämlich in der Folge mit u.a. mit „Frankenstein Meets the Wolf Man“ (1943), „House of Frankenstein“ (1944) und „House of Dracula“ (1945) gewissermaßen die ersten „Crossover“ der Filmgeschichte, in denen die beliebten Monster, die alle eigentlich tot sein müssten, auf die absurdesten Arten und Weisen wieder aus ihren Gräbern geholt und aufeinander losgelassen wurden. Ironischerweise hatte die Hauptfigur Larry in den Crossover-Sequels nur noch den Wunsch, im Tod seinen Frieden zu finden. Doch genau dies blieb ihm Film um Film verwehrt. Denn obwohl das Monster wieder und wieder vernichtet wurde, wurde die Kuh, oder in diesem speziellen Fall besser der Wolf, so lange gemolken, bis wirklich nichts mehr zu holen war. Trotzdem war der sich in eine Bestie verwandelnde Mensch fortan nicht mehr aus der Filmlandschaft wegzudenken und so sieht man auch heute noch hin und wieder einen einsamen Werwolf durch die Kinos dieser Welt streifen.

2 Gedanken zu „The Wolf Man (1941) – Über Werwölfe und Nazis“

  1. Die Figur des Werwolfs hat mich von all den klassischen Universal Monstern immer am Wenigsten angesprochen, Den “Invisible Man“ klammere ich hierbei mal bewusst aus, da dieser letztlich nur ein Wissenschaftler ist, der durch ein von ihm erfundenes Serum transparent und somit unsichtbar wird. Der übernatürliche Ansatz wie bei Dracula, der Mumie und auch zu Frankensteins Monster fehlt ganz einfach, wobei mann über die letztgenannte Figur sicher in diesem Kontext diskutieren kann. Wollen wir aber nicht.
    Den Werwolf habe ich nie als bedrohlich, gefährlich, geschweige denn als gruselig empfunden. Das mag sicherlich auch damit zusammenhängen, dass die Szenen der Verwandlung vom Menschen in den bösen Wolf, mich nie überzeugen konnten und die Maske eher nach Fasching als nach Horror aussah. Leider hat sich dies seither nur geringfügig geändert. Ob nun in „American Werwolf“,“ Wolfman“ oder in der „Twiilight“ Trilogie. Mir ist bewusst, dass das Make Up von Jack Pierce damals sicherlich etwas Herausragendes war. Mich hat es aber nie wirklich angesprochen.
    Um jetzt noch mal die Kurve zu deinem tollen Beitrag zu kriegen… Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurde durch Heinrich Himmler, als einer der letzten Verzweiflungsakte gegen die anrückenden Alliierten, eine Spionage- und Sabotageeinheit im Deutschen Reich ins Leben gerufen, die Organisation …..“Werwolf“. Der Wikipedia-Eintrag hierzu ist durchaus lesenswert.

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    1. „Das mag sicherlich auch damit zusammenhängen, dass die Szenen der Verwandlung vom Menschen in den bösen Wolf, mich nie überzeugen konnten und die Maske eher nach Fasching als nach Horror aussah“

      Lustigerweise finde ich, dass das Make Up hier Jack Pierce mit Abstand schwächste Arbeit war. Der Werwolf sieht in der Tat Recht albern aus. Da gab es vorher schon gruseliger Wolfmonster.

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